»Bis zur Abschiebung habe ich mich gar nicht damit beschäftigt, dass ich »Flüchtling« bin«

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Minire, du hast knapp zehn Jahre nach deiner Abschiebung in den Kosovo einen berührenden Text auf unserer Seite veröffentlicht. Wie kam das damals zustande?

Das war das erste Mal, dass ich damals überhaupt darüber geschrieben habe, dass ich das auf irgendeine Art und Weise verarbeitet habe. Ich glaube, ich habe euch damals angeschrieben und gefragt, ob ihr das veröffentlichen wollt.

Da ging es um deine Abschiebung im Jahr 2005. Kannst du uns erzählen, wie das abgelaufen ist?

Tatsächlich habe ich in der Nacht bei meiner Mama im Zimmer geschlafen und die hat mich geweckt: Wir müssen jetzt gehen. Ich werde wach und sehe Polizist*innen im Flur stehen. Wir hatten dann etwas Zeit, Koffer zu packen und dann ging es schon weiter nach Heilbronn und zum Flieger nach Baden-Baden.

Kam das für dich überraschend?

Überraschend war es tatsächlich nicht. Für mich war das Thema aber »Erwachsenenzeug«. Ich wusste einfach nur, dass wir »auf Duldung« waren. Das ist das Wort, das mir von damals noch einfällt: »Wir haben eine Duldung«. Aber was bedeutet das? Ich meine, ich habe ganz normal gelebt. Ich bin zur Schule gegangen, ich habe Freunde gehabt, ich habe Fußball gespielt. Und das war dann von einem auf den anderen Tag weg.

»Mir war damals auch noch gar nicht bewusst, was für Konsequenzen diese Nacht eigentlich wirklich haben wird.«

Als wir damals immer häufiger von Abschiebungen hörten, ist es schon ein bisschen konkreter geworden, diese Angst und diese Paranoia. Wir haben auch teilweise deshalb nicht zuhause übernachtet. Da habe ich mich erst damit beschäftigt, dass ich »Flüchtling« bin, sonst habe ich ja nichts anderes gemacht, als meine Freunde. Mir war damals auch noch gar nicht bewusst, was für Konsequenzen diese Nacht eigentlich wirklich haben wird.

Wie war denn dein Leben nach der Abschiebung?

Mein Leben im Kosovo war ein anderes Leben. Eins, das gar nicht meins war. Dort hat sich heutzutage auch viel geändert, aber damals hieß es dann zum Beispiel: »Mädchen spielen keinen Fußball«. Für mich war das ein Schock. Ich war 14, Fußball war immer ein Teil meines Lebens, und plötzlich war es verpönt. Das fand ich schon sehr unfair.

Sonst waren die ersten Monate nach der Abschiebung nicht so schlimm. Ich erinnere mich noch an die Schlaglöcher beim Weg vom Flughafen, aber wir hatten ja auch das Glück, dort bei der Familie unterkommen zu können. Das Glück haben nicht alle. Und es war Sommer, es war viel Besuch da, es gab Hochzeiten.

Aber dann hat sich der Alltag eingeschlichen und ich war absolut schockiert, als ich in die Schule kam. Ich war die deutsche Schule gewohnt. Dort komme ich ins Zimmer – kaputte Bänke und in der Ecke steht ein Holzofen. Da fragst du deinen Sitznachbarn: »Wofür ist der Ofen denn da?« »Damit heizen wir im Winter«. Zuhause sagte ich heulend meinen Eltern: »Ich gehe da nicht mehr hin«. Sie haben das akzeptiert.

Was hast du dann stattdessen gemacht?

Gute Frage. Ich habe Telenovelas geschaut, ein bisschen Sport. Und es hat nicht lange gedauert, bis ich angefangen habe, zu schreiben. Allerdings nichts Autobiografisches, sondern Fiktion, das war mein Ventil sozusagen. Irgendwann habe ich aus Zufall mit Onlinemarketing angefangen, das lief auch gut. Ich habe mein eigenes Geld verdient. Aber trotzdem hat da im Hintergrund immer irgendwas gefehlt. Und dann kam auch der Entschluss, zurück nach Deutschland zu gehen. Über eine Ausbildung, weil das der legale Weg war.

Hat es für dich keine Rolle gespielt, dass Deutschland das Land ist, das dich damals abgeschoben hat?

So habe ich es gar nicht gesehen, weil mittlerweile kann ich ja auch die Hintergründe mit den abgelehnten Asylanträgen verstehen. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar – und das gilt auch für Migranten. Was damals ablief, das war schon menschenunwürdig. Das macht schon etwas aus, das hinterlässt Spuren, gerade auch bei Kindern und Teenagern.

Was sind das für Spuren konkret?

Zuallererst: Sicherheit. Ich glaube, man bekommt einen ganz anderen Blick auf Sicherheit. Für mich ist Sicherheit nichts Selbstverständliches.

»Das war glaube ich nach vielen Jahren das erste Mal, dass ich nicht mehr im Inneren dachte, dass die Sicherheit, die ich gerade habe, in jedem Moment kippen kann.«

Ich habe mittlerweile meine Niederlassungserlaubnis. Als ich damals die Karte abgeholt habe, saß ich im Auto und habe meine Mama angerufen. Und dann saß ich gefühlt eine halbe Stunde da und habe einfach in die Luft gestarrt. Das war glaube ich nach vielen Jahren das erste Mal, dass ich nicht mehr im Inneren dachte, dass die Sicherheit, die ich gerade habe, in jedem Moment kippen kann.

Hattest du nach der Abschiebung noch Kontakt zu Leuten hier, zu Freund*innen aus der Schule?

Die ersten Jahre weniger, aber mit Social Media dann sehr viel, das hat sich gehalten. Bis heute.

Du bist ja direkt in die Gegend zurückgekommen, in der du auch früher warst. War das ein Neuanfang?

Eher ein zweiter Anfang. Ich hatte noch ganz viele tolle Freunde von früher, die mir schon direkt geschrieben haben und sich treffen wollten, bevor ich überhaupt wieder hier war. Und meine große Schwester hat schon hier gelebt, sie wurde damals nicht abgeschoben, weil sie verheiratet war.

Einfach nur einen Schritt machen.
Ohne Zweifel.
Ohne Druck.
Ohne Erwartungen.
Ohne Regeln,
die nie laut ausgesprochen wurden
und die doch jeder kannte.

Wie sich das wohl anfühlt?

Ein Land verlassen,
zurückgehen –
nicht nur ein Ortswechsel.

Eine kleine große Rebellion.
Ein Riss zwischen zwei Welten,
scharf geschnitten,
brennend wie ein Feuer.

Kein sichtbares Feuer.
Nicht für andere.
Nur tief in dir.

Eine Wohnung allein.
Nicht nur vier Wände.
Nicht nur ein Schlüssel.

Eine leise laute Entscheidung,
dass das Leben –
mein Leben –
auch wirklich mir gehören darf.

Eine Ausbildung.
Nicht nur arbeiten und lernen.
Ein Ticket.
Ein Visum.
Eine Möglichkeit zu kommen
und zu bleiben.

Trotz allem.
Oder vielleicht gerade deshalb.

Ein Jobwechsel.
Keine Karrierefrage.
Die Suche nach mehr Sinn.

Der Mut,
trotz Ängsten und Sorgen
Bequemlichkeit gegen Herausforderung
und Sicherheit gegen Hoffnung
einzutauschen.

Und wenn der Körper sich erinnert –
an Nächte,
an Tage,
an Situationen voller Kontrollverlust,
an Stabilität,
die innerhalb eines Wimpernschlags zerbricht,
an Sicherheit,
die plötzlich verschwindet,
weil sie nie wirklich eine war –

dann kostet ein Schritt
unglaublich viel Kraft.

Andere planen ihr Leben.
Ich habe mir meins
Stück für Stück zurückgeholt.

Vielleicht schlägt deshalb mein Herz manchmal schneller,
wenn Dinge noch nicht sicher sind.

Vielleicht fühlt sich deshalb
„ausreichend sein“

manchmal so fremd an.

Weil mein Leben
nie ausreichend war.
Es war oft
alles oder nichts.

Kein Dazwischen.

Und trotzdem
bin ich weitergegangen.
Und werde weitergehen.

Nicht, weil ich keine Angst mehr habe.
Sondern weil ich gelernt habe,
dass ein Schritt
manchmal alles verändern kann.

Die Ausbildung, die du gemacht hast: Was war das für eine?

In der Hotellerie. Das war zwar nicht mein Traumberuf, aber es gab nicht viel Auswahl und ich bin froh über die Erfahrungen. Aber natürlich hat man da auch andere Hürden, wenn man über diesen Weg nach Deutschland kommt.

Welche meinst du?

Einfach so die Ausbildung zu wechseln kam damals nicht in Frage, weil der Aufenthalt daran geknüpft war. Es gibt Auflagen: Zum Beispiel hat man als Fachkraft eine Branchensperre. Als ich zusätzlich noch einen Minijob machen wollte, habe ich eine Extra-Arbeitsgenehmigung gebraucht. Da war viel Druck dabei. Freunde von mir mit deutscher Staatsbürgerschaft hatten viel mehr die Freiheit zu sagen: »Das liegt mir nicht, ich mache etwas anderes«.

Du hast dann einen weiteren Text auf unserer Seite veröffentlicht, wo du auch von deinem Versuch der Einbürgerung erzählst. Wie sieht es damit aus?

Der Antrag wurde September 2024 gestellt und ist leider noch nicht abgeschlossen. Ich bin aber auch umgezogen und habe meinen Job gewechselt. Solange ich  noch in der Probezeit bin, kann das nicht weiter bearbeitet werden. Ich hoffe, im Sommer ist es so weit. Auch wenn ein Pass allein natürlich auch keine Identität ausmacht.

Fühlst du dich denn als Deutsche?

Ja, schon. Also ich denke Deutsch. Gibt’s was Deutscheres, als Deutsch zu denken? Und die deutsche Sprache war schon immer Teil meiner Identität. Ich schreibe ja auch viel und hauptsächlich auf Deutsch.

Du arbeitest jetzt »ausgerechnet« in einer Ausländerbehörde. Ist deine Geschichte ein Thema auf der Arbeit?

Nein, das ist kein großes Thema. Sie wussten Bescheid, ich habe es am Anfang auch ab und zu beiläufig erwähnt. Eine Kollegin hat mich etwas tiefer gefragt, wie das damals ablief. Aber es wird insgesamt sehr respektvoll damit umgegangen.

»Das ist für mich auch nicht nur ein Job. Es hat für mich etwas mehr Bedeutung.«

Und wie ist es für dich, dort zu arbeiten?

Viele finden es ironisch, dass ich dort arbeite, und das ist es vielleicht auch ein bisschen. Aber dafür ist es für mich auch nicht nur ein Job. Es hat für mich etwas mehr Bedeutung. Für mich ist es schon sehr wichtig, dass man nicht vergisst, dass hinter der Akte echte Menschen mit echten Lebensgeschichten stehen.

Vor allem, als ich das erste Mal eine Fiktionsbescheinigung abgestempelt habe: Da habe ich mich schon gefragt, ob das gerade wirklich ich bin, die das macht. Früher war ich ja selbst auf solche Dokumente angewiesen. Aber ich bin wirklich froh, da zu sein und hoffe, dass meine Erfahrung hilfreich sein kann, in bestimmten Situationen sensibler mit Menschen umzugehen.

Vor nicht mal einem Jahr war ich noch die Antragstellerin – diejenige, die Unterlagen einreichen musste.
 
Zeugnisse, 
Wohnraumbescheinigung, 
Lohnabrechnungen, 
frische, aktuelle Passbilder.
 
Ich war diejenige, die gewartet hat. 
Auf eine Mail. 
Auf einen Brief. 
 
Ich war diejenige, die gehofft hat, dass es reicht.
 
Das waren Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, in der Luft zu hängen. 
Zeiten, in denen existenzielle Ängste kein Fremdwort für mich waren.
 
Und jetzt sitze ich plötzlich in einem Büro und bin diejenige, die andere Akten in der Hand hält. 
Die Anträge vor sich liegen hat. 
Die Unterlagen prüft und nachfordert.
 
Ich bin diejenige, die diese Mails schreibt, 
die diese Briefe rausschickt, 
auf die ich selbst so oft gewartet habe.
 
Ich bin diejenige, die Dokumente ausstellt, 
die sie stempelt und unterschreibt.
 
Wie beschreibt man dieses surreale Gefühl?
 
Wie beschreibt man das Gefühl, im System auf Zustimmung zu einem Visumantrag zu klicken? 
Wenn man einem Familienvater die Mail schickt, 
dass seine Frau und seine Kinder bald nachkommen dürfen?
 
Und dann:
 
Die erste Ablehnung.
 
Dieses komische, mulmige Gefühl, 
das sich in mir breitmacht, 
das ich noch nicht richtig einordnen kann.
 
Die Tatsache, dass vieles so komplex ist, 
dass man viel nachdenken muss, 
viel abwägen, 
viel begründen.
 
Und dass es manchmal trotzdem nicht reicht.

Trotzdem hast du mal gesagt, du willst nicht als »Beispiel für gute Integration« gelten.

Ja, ich habe die Bezeichnung »Paradebeispiel für erfolgreiche Integration« jetzt schon ein paar Mal gehört. Einerseits ehrt es mich, weil das auch meinen Weg würdigt und ich viel gekämpft habe um dahin zu kommen. Aber andererseits sehe ich das etwas differenzierter, es ist nicht so schwarz-weiß. Wenn ich ein deutsches Kind gewesen wäre, das mit 14 mit den Eltern in die USA zieht und viele Jahre später zurückkehrt würde ja auch niemand sagen: »Du bist aber gut integriert«. Aber das ist ja an sich die gleiche Geschichte. Und Menschen sind unterschiedlich. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Nicht jeder hat die gleiche Unterstützung. Ich will nicht als Maßstab dienen, um andere »abzuwerten«.

(Interview: mk)

Minire Neziri, geboren 1991 in Ellwangen, lebt und arbeitet heute in Süddeutschland. Nach ihrer Abschiebung im Jahr 2005 kehrte sie 2019 mit Visum nach Deutschland zurück, absolvierte erfolgreich eine Ausbildung und veröffentlichte seither mehrere autobiografische Texte.

Instagram: Minire Neziri

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