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»Ihr schaut nicht weg. Ihr findet euch nicht damit ab, dass Recht gebrochen und menschliches Leid politisch in Kauf genommen wird. Ihr macht sichtbar, was andere lieber im Verborgenen halten würden. Und ihr zeigt, dass Menschenrechte nur dann Bestand haben, wenn Menschen bereit sind, sie zu verteidigen« würdigt Halima Gutale, Vorsitzende des Stiftungsrats, die drei Preisträger*innen.
Deren Engagement ist auch deshalb besonders, weil es in Staaten erfolgt, in denen Leid und Not von Schutzsuchenden oft besonders deutlich sichtbar wird und in denen die politischen Umstände für Menschenrechtsarbeit besonders schwierig sind.
Drei Stimmen für die Menschenrechte
Taner Kılıç ist ein Rechtsanwalt aus Izmir. Er gehört zu den Mitbegründern der türkischen Sektion von Amnesty International und der Organisation Mülteci-Der. Weil er Menschenrechte verteidigte, geriet er selbst ins Visier der türkischen Justiz: 2017 wurde er festgenommen, mehr als 14 Monate in Untersuchungshaft gehalten und 2020 ohne glaubwürdige Beweise zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Zitat: »Ich bereue nichts. Ich würde alles nochmal ganz genauso machen. Viele Menschen haben das, was sie mit mir gemacht haben, mitbekommen. Diesen Kriminalisierungsprozess. Das hat sich auch negativ ausgewirkt. Aber gleichzeitig habe ich sehr viel Solidarität erfahren. Auch deswegen bedeutet mir der Menschenrechtspreis von PRO ASYL so viel. Zu erleben, dass meine Arbeit gesehen wird, auch international. Das berührt mich sehr.«
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte fest, dass Kılıç rechtswidrig und willkürlich inhaftiert war und seine Rechte auf Freiheit und Sicherheit sowie auf Meinungsfreiheit verletzt wurden. Erst im Februar 2025 endete das fast achtjährige Verfahren mit seinem endgültigen Freispruch.
Auch Pırıl Erçoban gehörte 2008 zu den Gründer*innen von Mülteci-Der. Das ist die Kurzform für Mültecilerle Dayanışma Derneği, Verein zur Solidarität mit Flüchtlingen. Es war die erste Organisation in der Türkei, die sich ausschließlich dem Schutz Geflüchteter widmete. Pırıl Erçoban war hier von 2009 bis 2024 Geschäftsführerin.
»Wir dürfen nicht zulassen, dass der Wettlauf, welches Land Flüchtlinge schlechter behandelt, zu Normalität wird. Deshalb tragen wir Verantwortung. Die Verantwortung, weiterhin für Menschenwürde, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit einzustehen – selbst dann, wenn dies schwierig, unpopulär oder unbequem wird.«

Als Koordinatorin von Mülteci-Der in Izmir beriet und begleitete sie Schutzsuchende, dokumentierte Rechtsverletzungen und machte Missstände bei Inhaftierungen und Abschiebungen öffentlich. Früh warnte sie vor der europäischen Politik, die Verantwortung für den Flüchtlingsschutz an die Türkei auszulagern. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verbindet sie praktische Solidarität und große Nähe zu den Betroffenen mit menschenrechtlicher Klarheit. Auch unter wachsendem politischem Druck.
Auf der anderen Seite der Ägäis ist Giorgos Tsarbopoulos aktiv. Nach Stationen beim UNHCR in mehreren Ländern des Globalen Südens übernahm er 2006 die Leitung des griechischen Büros in Athen. In dieser Zeit hate Giorgos Tsarbopoulos großen Einfluss darauf, dass es in Griechenland zu einer umfassenden strukturellen Reform des Asylsystems kam, die 2011 schließlich ein unabhängiges Asylsystem brachte. Zudem machte er es zu seiner Verantwortung, die massive staatliche Gewalt gegenüber Geflüchteten an den Außengrenzen zu dokumentieren und zu skandalisieren. Er übte wiederholt Druck auf die Regierung aus und trug dadurch etwa zur Schließung eines Abschiebegefängnisses bei.

»Wir erleben, dass ein großer Teil der Gesellschaft gegenüber Menschenrechtsverletzungen oder sogar Verbrechen gleichgültig bleibt – wie etwa gegenüber dem Schiffsunglück von Pylos am 14. Juni 2023, bei dem mehr als 600 Menschen ertranken. Deshalb ist es wichtig, ein Netzwerk der Solidarität aufzubauen!«
Giorgos Tsarbopoulos prägte die UNHCR-Vertretung in Griechenland als unabhängige menschenrechtliche Stimme: präsent an den Außengrenzen, eng verbunden mit Flüchtlingen und Zivilgesellschaft und bereit, staatlichen Rechtsverletzungen öffentlich zu widersprechen. Tsarbopoulos prangerte menschenunwürdige Haftbedingungen und Pushbacks an, dokumentierte das Verschwinden von Schutzsuchenden am Evros und setzte sich nach dem tödlichen Schiffsunglück vor Farmakonisi 2014 dafür ein, die Aussagen der Überlebenden unverzüglich zu sichern und den Vorfall unabhängig zu untersuchen.
Den Blick nicht nur zurück, sondern auch nach vorne richten!
Laudator Can Gülcü, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung, stellte daher auch den Optimismus der Preisträger*innen in den Mittelpunkt seiner Würdigung: »So naiv oder banal das klingen mag, ich glaube, die hier Ausgezeichneten wissen: Die Zukunft ist ungeschrieben. All das, was heute nicht gut ist, können wir miteinander wieder verändern.«
Der PRO ASYL – Preis
Den Menschenrechtspreis verleiht die Stiftung PRO ASYL seit 2006 jährlich an Personen, die sich in herausragender Weise für die Achtung der Menschenrechte und den Schutz von Flüchtlingen in Deutschland und Europa einsetzen. Der Preis ist mit 5.000 Euro und einer Skulptur des Künstlers Ariel Auslender, Professor an der Technischen Universität Darmstadt, dotiert.
The post Mit Mut und Optimismus die Zukunft gestalten: Menschenrechtspreis 2026 first appeared on PRO ASYL.
